D R . W I L H E L M - R E I C H

Dr. Wilhelm Reich

 

 

Vor seiner „Entdeckung des Orgons" ist Reich, der nach seiner Promotion zum Dr.

med. in Wien unter Wagner-Jauregg zum Psychiaterausgebildet worden war, zwei

Jahrzehnte als Psychoanalytiker tätig gewesen. In Weiterführung von Freuds

Libidotheorie hatte Reich als Kriterium für eine erfolgreich abgeschlossene

Psychoanalyse das Erreichen der orgastischen Potenz vorgeschlagen. Aus

therapeutischen Techniken, die geeignet waren, die Widerstände des Patienten gegen

das Erreichen dieses Therapieziels zu überwinden (Widerstandsanalyse), hatte er die

Charakteranalyse entwickelt und - nach seinem durch Freud veranlassten Ausschluss

aus allen psychoanalytischen Vereinigungen 1934 - durch Einbeziehung körperlicher

Prozesse zur so genannten Vegetotherapie weiterentwickelt. Dabei hatte er u. a. an

das von dem damals berühmten Mediziner Friedrich Kraus entwickelte Konzept der

„vegetativen Strömung" angeschlossen. Eine Fortsetzung dieser Entwicklung stellt die

„Orgontherapie" dar.

 

Reich betätigte sich, weil er die Orgonenergie für ubiquitär hielt, nicht mehr nur in

seiner Disziplin, der Medizin, als „Orgonforscher", sondern wandte sich auch anderen

Gebieten zu, so etwa der Mikrobiologie, der Physik und der Meteorologie.

 

Das Konzept der orgastischen Potenz

 

Freuds Annahme zur Libido war, dass die primäre Funktion des „Neuronensystems"

sei, Energie unverzüglich und vollständig zur Abfuhr zu bringen und die sekundäre

Funktion, Energie in bestimmten Neuronen und Neuronensystemen zu speichern.

Freud ging davon aus, dass Störungen der Psyche durch Verhinderung der freien

Entladung dieser libidinösen Energie in der Kindheit entstehen, z. B. durch moralische

Verbote bestimmter lustvoll besetzter Handlungen, überbehütendes oder übermäßig

strenges Verhalten der Eltern etc. Auf diesem Konzept baute Reich seine Theorie der

orgastischen Potenz auf.

 

Reich wollte in seiner klinischen Arbeit mit seinen Patienten festgestellt haben, dass

alle Neurotiker eine sexuelle Störung im Erleben des Orgasmus zu haben schienen. Er

definierte solch eine Orgasmusstörung nicht wie die medizinische Forschung als

Beeinträchtigung der Fähigkeit, (irgend)einen Orgasmus zu erleben, sondern eher

anhand der Empfindungsfähigkeit beim gesamten Geschlechtsakt. In einer Rede vor

dem Psychoanalytischen Kongreß in Salzburg (1924) beschrieb er die orgastische

Potenz als die Fähigkeit, sich „den Strömen der biologischen Energie ohne Hemmung

hinzugeben", die Fähigkeit „zur vollständigen Entladung aller aufgestauten

Sexualerregung durch unwillkürliche, lustvolle Kontraktionen des Körpers." So geht er

zum Beispiel davon aus, dass ein Mann, der zwar eine Erektion haben kann, aber

während des Geschlechtsakts keine „tiefen" Empfindungen hat, durch Gedanken

übermäßig abgelenkt wird bzw. sich selbst ablenkt oder allzu sehr bemüht ist, „gut" zu

sein und dann beim Orgasmus nur ein mehr oder minder kurzes „Aufflammen" der

Befriedigung erlebt, keine volle orgastische Potenz erreicht. Die „orgastische

Impotenz" - die Unfähigkeit zur vollständigen Energieabfuhr - bewirkt laut Reich eine

Stauung der Libido, die je nach Ausmaß zu neurotischen Störungen führen kann.

 

Charakteranalyse und Charakterpanzerung


Auf der Grundlage seiner Arbeit im „Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie"

kam Reich zu einer von der Freudschen Analyse abweichenden Erklärung der

Phänomene Widerstand und Übertragung. Nach Reich ist der Widerstand eines

Patienten durch dessen „Körperpanzerung" verursacht. So reagiere jeder Patient

gemäß seiner Körperpanzerung auf die Therapie mit einer spezifischen Abwehr, die

unterschiedliche Formen annehmen kann. Diese individuelle Organisation der

Abwehrmuster nannte Reich den „Charakterpanzer". Er ging davon aus, dass der

Charakterpanzer das Resultat der erstarrten Lebensgeschichte eines Menschen ist,

also „die funktionelle Summe aller vergangenen Ereignisse". Hierbei weist Reich,

ebenso wie Freud, den Erlebnissen der frühen Kindheit eine entscheidende Rolle zu.

Nach Reich sind dabei Zeitpunkt und Intensität der Konflikte, ihre Art (wie bei Freud

differenziert nach oralen, analen und genitalen Aspekten), das Verhältnis zwischen

Triebbefriedigung und Frustration, das Ausmaß der Identifikation mit dem

gleichgeschlechtlichen Elternteil und die Widersprüche im versagenden Verhalten des

Elternteils wichtige Einflussgrößen für die Ausbildung der Charakterpanzerung. Durch

die Wechselwirkung dieser Faktoren kann es zu einem breiten Spektrum

unterschiedlicher neurotischer Charakterstrukturen kommen.

 

Beschreibung der Orgonenergie

 

Im Sommer 1939 glaubte Reich entdeckt zu haben, dass sich eine aus Meeressand

gewonnene „Bionkultur", die an sich keinen Ausschlag am Elektroskop gab, in einer

Weise „auflud" oder „energetisch anregte", dass sie an einem statischen Elektroskop

einen kräftigen Ausschlag produzierte. Er fand (angeblich) des Weiteren heraus, dass

vegetativ nicht gestörte menschliche Körper, am stärksten vom Bauch und den

Genitalien her, Gummi und Watte in derselben Weise anregten, dass nach etwa 15 bis

20 Minuten Beeinflussung durch den Körper am Elektroskop ein Ausschlag erfolgte.

 

Anfangs glaubte er, der Sand, aus dem diese „Bione" durch Glühen und Quellung

entstanden, sei letzten Endes erstarrte Sonnenenergie. Es war daher naheliegend,

Gummi und Watte der grellen Sonnenstrahlung auszusetzen, wobei sie vorher am

Elektroskop keinen Ausschlag erzeugten, wohl aber nach dem Lagern in der Sonne.

Reich nannte diese Energie Orgon. Diese Energieform lud laut Reich Gummi und

Watte in derselben Weise auf wie die Bionkultur und der menschliche Organismus

nach guter Durchatmung im vegetativ nicht gestörten Zustand.

 

Nach Reich ist die Orgonenergie auch im Erdboden, in der Atmosphäre und am

pflanzlichen und tierischen Organismus visuell, thermisch und elektroskopisch

nachweisbar.

 

Reich versuchte das atmosphärische Orgon in seinem Laboratorium in eigens dafür

konstruierten Apparaten zu akkumulieren (lat.„ansammeln") oder konzentrieren und

durch bestimmte Materialanordnung sichtbar zu machen. Er beschreibt die Farbe der

Orgonenergie als blau oder blaugrau. Die Orgonstrahlung enthält nach Reich drei

Arten von Strahlen: blaugraue, nebelähnliche Schwaden, tief blauviolette

expandierende und kontrahierende Lichtpünktchen und gelbweiße, rasche Punkt- und

Strichstrahlen. Die blaue Farbe des Himmels und das Graublau des atmosphärischen

Dunstes an heißen Sommertagen gäben die Farbe des atmosphärischen Orgons

unmittelbar wieder. Das Flimmern am Himmel, das von manchen Physikern dem

Erdmagnetismus zugeschrieben wird, und das Glitzern der Sterne in klaren, trockenen

Nächten seien unmittelbarer Ausdruck der Bewegung des atmosphärischen Orgons.

Reich meinte, dass auch die damals unverstandene Wolken- und Gewitterbildung von

Konzentrationsänderungen des atmosphärischen Orgons abhänge, was sich durch

Messungen der elektroskopischen Entladungsgeschwindigkeit nachweisen lasse.

 

Laut Reich enthält der lebende Organismus in jeder seiner Zellen Orgonenergie und

lädt sich mittels der Atmung unausgesetzt orgonotisch aus der Atmosphäre auf. Auch

das Chlorophyll der Pflanzen, das dem eisenhaltigen Eiweiß (Hämoglobin) des

tierischen Blutes verwandt ist, enthalte Orgon, das es direkt aus der Atmosphäre und

der Sonnenstrahlung aufnehme. Reich behauptete, dass auch Protozoen,

Krebszellenetc. durchweg aus orgonhaltigen, bläulichen Energiebläschen bestünden.

Das Orgon wirke vagoton und lade lebendes Gewebe, im besonderen die roten

Blutkörperchen, auf. Es töte Krebszellen und viele Arten von Stäbchenbakterien. Der

menschliche Körper sei von einem „orgonotischen Energiefeld" umgeben, das sich, je

nach vegetativer Lebendigkeit, in verschieden weiten Grenzen bewege.

 

Aufbau eines Orgonakkumulators

 

Reich vertrat die These, dass starke orgonotische Systeme schwachen die Energie

abzögen (und sah darin ein „Gegenprinzip" zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik);

so zöge der menschliche Körper ständig aus der Umgebung Orgonenergie ab.

Allerdings habe jedes System eine Sättigungsgrenze, ab der es beginne, sich spontan

zu entladen.

 

In Anwendung dieser These - und zu ihrer messtechnischen Überprüfung - baute

Reich einen sogenannten Orgonakkumulator, eine Anordnung von Materialien, mittels

derer Orgonenergie konzentriert werden soll. Es handelt sich dabei um einen Kasten,

dessen Wände außen aus einem nichtleitenden Material, zum Beispiel einer

Dämmplatte, und innen aus leitendem Material, wie Stahlblech, bestehen. Zur

Erhöhung der Wirkung können die Wandtafeln zwischen äußerer Dämmplatte und

innerem Stahlblech mit mehreren Doppelschichten aus Materialien mit den gleichen

Eigenschaften, wie Stahlwolle und zum Beispiel Steinwolle, verstärkt werden.

 

Es wurden Orgonakkumulatoren in verschiedenen Größen gebaut. In seinem Labor

hatte Reich einen Orgonakkumulator von der Größe eines Wohnraums, der lichtdicht

war und spezielle optische Effekte der Orgonkonzentration zu beobachten erlauben

sollte. Für therapeutische Zwecke wurden Orgonakkumulatoren von der Größe einer

Kabine benutzt, in der sich eine Person sitzend aufhalten konnte. Für punktuelle

Anwendungen schließlich kamen sogenannte Orgon-„Shooter" zum Einsatz, die

würfelförmig mit einer Kantenlänge von 30-40 cm waren. Die in ihrem Inneren

akkumulierte Orgonenergie sollte mittels eines mit Isoliermaterial umwickelten,

flexiblen Stahlschlauches gezielt an eine Stelle, zum Beispiel auf eine Schnittwunde,

gelenkt werden.

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